Über XOXO von Casper

Im vorhinein möchte ich sagen, dass ich eigentlich kein großartiger Fan von Hip-Hop o.ä. bin und wenn ich mir mal so etwas anhöre, dann eher so in die Richtung Samy Deluxe, denn seine Lieder vermitteln wenigstens auch noch was anderes als dieses ständige Klischee vom harten, drogenabhängigen, mutterfickendem Kerl, der mit seiner Gang kommt und dich platt macht, wenn du dich aufmuckst, nämlich Kritik an der Gesellschaft in der wir leben. Etwas wahres, ehrliches, bei dem du hinhörst und zustimmst, weil es nunmal so ist. Bei Casper ist das auch so, wenn auch nochmal auf eine ganz andere Weise.
Casper XOXO
Casper kannte ich davor nicht und bin zum ersten mal auf ihn aufmerksam geworden, als er auf Twitter auf einmal von jedem zweiten gehyped wurde und sein Lied „So perfekt“ als Hintergrundmelodie für was weiß ich welche Werbung lief. Da habe ich beschlossen, mir mal ein bisschen was von ihm anzuhören. Und ich war platt. So platt, dass ich mir sofort sein Album XOXO im iTunes-Store lud und es seit dem rauf und runter läuft.

Normalerweise bin ich schnell damit, einen ersten Eindruck zu beschreiben, aber hier saß ich wie starr vor meinem Laptop, hörte das Album einmal, zweimal, dreimal durch, ohne irgendwas zu tun. Dasitzen, hören. Stundenlang. Es einfach nicht mehr ausmachen wollen, sondern lieber noch lauter. Ich kann mich nicht an das letzte Album erinnern, das sowas mit mir gemacht hat. „High Violet“ von The National hat mich letztes Jahr tief beeindruckt und ziemlich lange nicht mehr losgelassen, das lief auch tage- und nächtelang durch und wurde immer größer, „XX“ von The xx hat mich euphorisch und traurig zugleich gemacht und ich war mir ziemlich schnell sicher, damit eins meiner Top-5-Alben 2010 in der Hand zu halten. Aber mit XOXO ist es nochmal was Anderes.

Dass es was Großes, was Besonderes ist, erkennt man wohl auch schon am oben eingebetteten Video zu „So perfekt“, bei dem mir schon beim ersten richtigen hören durch die ersten Töne eine Gänsehaut über den ganzen Körper lief.
Man merkt vielleicht, dass ich mich drücke, das Album an sich zu beschreiben. Weil mir schlicht und einfach die Worte fehlen. Das hier wird auch kein Review, sondern eine einfache Kaufempfehlung. Weil ich es jedem ans Herz legen möchte, auch denen, die vorher vielleicht wenig mit Casper anfangen konnten und/oder den momentanen Hype übertrieben finden. Der kann einem schon ein bisschen Angst machen, aber glaubt mir, er ist gerechtfertigt. XOXO ist so anders, so viel besser, dass man keine Luft mehr bekommt. Die Lieder sind Bretter, die Bässe perfekt, jeder Satz gehört genau da hin wo er auch soll, man identifiziert sich mit seinen Gedanken und Gefühlen weil es sich wie die ureigenen anfühlen, es macht unglaublich wütend und traurig und das soll es auch. XOXO löst in mir keine bestimmte Grundstimmung aus, sondern stößt so vieles an, das mich gerade beschäftigt. Und es reißt alte Wunden auf, man sitzt einfach nur da, versteht und fühlt sich verstanden und fängt an zu weinen. Ich kann an dieser Stelle nur einen Eintrag zitieren, den ich letztens gelesen habe und der schon sehr treffend XOXO beschreibt:

„Ich muss da immer an mein jüngeres Ich irgendwann so um das 18. Lebensjahr im Dorf mitten im nichts da. Schön war es da, aber was nützt dir das, wenn du dort nicht findest was du eigentlich suchst. Wenn andauernd Dinge passieren, die dich irgendwo hinein reissen. Wenn du, natürlich, Nirvana hörst und vollkommen übertrieben denkst“Ja, genau so geht’s mir auch.” oder wenn du Spingsteen hörst und denkst“Scheiße, ich will hier weg. Ich will was erleben, was machen. So ganz ohne diese Nackenschläge zwischendurch.”Wenn man merkt, dass der Raum um einen herum viel zu klein ist, für den den man eigentlich haben will und braucht, wenn die Familie plötzlich zerfliegt oder wenn man Menschen verliert.“

Und genau das ist es. Ganz ehrlich, ich verstehe Leute, die sich Zeilen seiner Texte tätowieren lassen.

XOXO ist unheimlich komplex und vielschichtig, eins dieser Alben, die man immer und immer wieder hören möchte, ohne dass einem irgendwann einzelne Songs auf den Sack gehen oder langweilig werden. Und es ist direkt, ehrlich, geht genau ins Herz und bleibt da. Das klingt kitschig, aber ich kann nicht über Gefühle schreiben, ohne so zu klingen. Casper hingegen schon, und das Schöne ist, dass er auch keine Angst vor Pathos hat. Ihr merkt, ich bin zum Fan geworden, und ich weiß nicht, was ich noch mehr zu dem Album sagen soll, denn ich weiß nur eins: Es ist perfekt.



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